Heute bin ich beim Surfen auf ein Interview in den VDI-Nachrichten die-welt-ist-nicht-schwarz-weiss mit Michael Sailer, Ingenieur, Nuklearexperte und bis August 2019 Chef des Öko-Instituts, gestoßen. Eigentlich habe ich etwas ganz anderes gesucht, aber der Titel „Die Welt ist nicht schwarz-weiß“ hat meine Aufmerksamkeit erregt. In dem Interview ging es um Technikfolgenabschätzung, um die Risiken neuer Technologien und wie man damit umgeht.

Sailer hat gesagt, man müsse multidisziplinär arbeiten, um Probleme wirklich zu erkennen und Lösungen zu entwickeln: „Dabei reicht es nicht, interdisziplinär mit Wissenschaftlern verschiedener Richtungen zusammenzuarbeiten. Denn wenn Forscher nur unter sich arbeiten, gibt es ein Problem, das man in der folgenden Haltung wiederfindet: Das Objekt der Forschung versteht nicht, wie es sich verhalten soll. Nein, man muss auch transdisziplinär arbeiten. Man muss verstehen, was die Leute antreibt.“

Foto: Robert Kneschke/shutterstock
Foto: Robert Kneschke/shutterstock.com

Sowohl-als-auch

Diese Sichtweise lässt sich in jeden Bereich unserer Gesellschaft übertragen. Es gibt keine Aufgaben oder Probleme mehr, die nicht mit anderen zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Es gibt tatsächlich kein schwarz-weiß oder entweder-oder mehr. Mit „sowohl-als auch“ lassen sich Gegenwart und Zukunft vermutlich am besten beschreiben. Die Lösungen für die anstehenden Aufgaben müssen also diskutiert werden, am Ende so beschaffen sein, dass sie von möglichst vielen Leuten verstanden und getragen werden. Denn nur dann werden es auch nachhaltige Lösungen sein.

Doch anscheinend driftet unsere Gesellschaft in die Schwarz-Weiß-Richtung“. Die Dinge werden als „alternativlos“ dargestellt, Meinungen sind unumstößlich, dürfen nicht in Frage gestellt werden. Es gibt die Guten und die Bösen in wechselnder Besetzung. Die Bösen sind immer diejenigen, die nicht einsehen möchten, dass das, was die Guten wollen, das Richtige ist. E-Mobilität beispielsweise ist die Technologie der Stunde, alles andere fällt hinten runter. Wer fragt, ob es Alternativen gibt, woher der Strom kommen soll, wenn alle nachts ihr E-Auto einstöpseln oder wie die Batterien später entsorgt werden sollen oder wie lange die Seltenen Erden noch reichen, wird in die Ecke gestellt. Soll sich schämen. Aber genau solche Fragen legen Schwächen eines Konzepts offen, führen zu weiterem Nachdenken und anderen, vielleicht besseren Lösungen.

Mit Vielfalt lassen sich Probleme besser lösen

Ich will keine Gesellschaft, in der nicht mehr alle Fragen gestellt werden dürfen, in der wir uns selbst zensieren, in der nur die eigene Meinung die richtige sein kann. Alle Fragen stellen zu dürfen, Zweifel anzumelden, Kritik zu üben und eine andere Meinung zu vertreten, ist das, was Freiheit ausmacht. Wenn die Vielfalt einer Gesellschaft verlorengeht, schwindet auch das Interesse der Mitglieder an ihrer Gesellschaft. Wenn sich ein Teil der Menschen ausgegrenzt, nicht informiert, nicht verstanden fühlt und sich entzieht, verschenken wir Ideenreichtum, Kreativität und Mut – alles Dinge, die wir dringend brauchen, wenn wir die anstehenden Aufgaben lösen und in einer guten Zukunft leben wollen.