Am 1. und 2. Dezember habe ich das World Creativity Forum 2009 besucht. Es stand unter dem Motto „...where creativity meets technology“. Seit 2004 findet die Veranstaltung des internationalen Netzwerks „Districts of Creativity“, in dem sich die 13 innovativsten und kreativsten Regionen der Welt zusammengeschlossen haben, einmal jährlich in einer anderen Region statt. Rund 2.000 Teilnehmer aus aller Welt haben sich dieses Mal in Ludwigsburg zum Austausch über die neuesten Entwicklungen in der Kreativwirtschaft getroffen und Kontakte angebahnt oder weiter entwickelt.

An den beiden Veranstaltungstagen wurde alles aufgeboten, was Rang und Namen in der deutschen Kreativ- und Innovationslandschaft hat. „Mr. MP3“, Prof. Karlheinz Brandenburg und Filmemacherin Doris Dörrie, waren nur zwei der hochkarätigen Redner. Esko Aho, Vorstand bei Nokia, ehemaliger finnischer Ministerpräsident und wie Brandenburg „EU-Botschafter des Europäischen Jahres der Kreativität und Innovation“, ging es um Kreativität und Innovation als Motor für Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltiges Wachstum. Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Robert Bosch AG ging der Frage nach, welche Voraussetzungen in großen Konzernen herrschen müssen, damit Kreativität und Innovation gedeihen. Der Architekt Tobias Wallisser sprach über visionäre Architektur inspiriert von digitaler Technologie. Der Designer und Gründer von „frog design“, Hartmut Esslinger, widmete sich der Frage, wie Design-Strategien die Zukunft der Wirtschaft gestalten.

Julia Grudda
Doris Dörrie auf dem Creativity World Forum

Die „wild mind“ kultivieren

Mich hat am meisten der Vortrag von Filmemacherin Doris Dörrie beeindruckt. Sie widmete sich den Fragen, woher Kreativität und gute Ideen kommen und wie sie abrufbar sind? Kreativität kommt für sie aus dem Unbekannten. Spielen sei der natürliche Zustand, in dem Kreativität gedeihe: hochkonzentriert und völlig selbstvergessen. Sobald man beginne, nachzudenken, übernehme der Verstand wieder die Kontrolle und das sei der Kreativität abträglich. Das Wichtigste ist laut der Autorin, Regisseurin und Produzentin, sich niemals zu verschließen, sondern offen für Inspirationen von außen zu sein. Das berge natürlich Risiken, gibt sie zu, aber Kreativität bedeute, Risiken einzugehen. Man wisse schließlich nie, ob aus einer Idee tatsächlich eine erfolgreiche Sache werde.

„Ich muss jeden Morgen aufstehen und an meinen Schreibtisch sitzen“, so Dörrie. „Ich muss etwas produzieren. Dafür brauche ich Ideen, doch woher bekomme ich die?“ Sie erklärte, sie schaffe das, indem sie sich noch einmal ins Bett lege und ihren Küchenwecker auf fünf Minuten einstelle. Dieses Verfahren sollte das Publikum dann gleich selbst testen. Den Küchenwecker hatte Dörrie mitgebracht. Eine Schreibübung sollte die Zuhörer dazu bringen, sich in „diesen Zustand zwischen wachen und schlafen“ zu versenken, in dem die besten Ideen fließen würden. Sie schaffte es dann wirklich, dass über 1.000 Zuhörer ihre Notizbücher und –zettel herauskramten und fünf Minuten lang schrieben. Dazu sollte jeder auf seine Füße schauen, sich vorstellen, dass es die Füße des Kindes seien, das er einmal war, und zu schreiben beginnen mit den Worten „ich erinnere mich“. Wichtigste Regeln: nicht denken und nicht aufhören zu schreiben. Der Anblick, den über 1.000 eifrig schreibende Menschen mit gesenkten Köpfen und eine auf der Bühne hin- und hergehende Doris Dörrie mit dem Küchenwecker in der Hand, boten, war sehr ungewöhnlich. Als der Wecker klingelte, schreckte so mancher von seinem Notizbuch hoch und schaute verwundert um sich. Offensichtlich hatte die Methode Erfolg.

Kinder müssen spielen dürfen

Kreativität braucht also einerseits Anregung, andererseits Zeit und Ruhe - Ungestörtheit und Versunkenheit in sich selbst, eine Idee, einen Gedanken. Für mich erhebt sich damit auch die Frage, ob wir unsere Kinder davon abhalten, kreativ zu sein. Viele Kinder haben einen Terminkalender wie ein Erwachsener, die Schule wird immer fordernder, PC und Fernsehen überfluten mit Reizen. Wann haben Kinder Zeit zu spielen, sich auf sich selbst zu konzentrieren? Viele Kinder sind dazu überhaupt nicht mehr fähig. Laut dem Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer ist außerdem Wissen, dass sich Kinder über moderne Medien aneignen, meistens nur oberflächlich und kurzlebig. Das hängt mit der Arbeitsweise des Gehirns zusammen. Wenn Kreativität eine Grundbedingung für Innovation ist, gehen wir schlechten Zeiten entgegen. Jeder Mensch wird laut Designlegende und "frog design"-Gründer Prof. Hartmut Esslinger kreativ geboren, doch wenn wir Kreativität nicht zulassen, Kindern weder Raum noch Zeit dafür zugestehen, sondern nur Wissen in sie hineinstopfen - womöglich noch mit den falschen Mitteln, dürfen wir nicht erwarten, dass sie als Erwachsene besonders innovativ sein werden. Manfred Spitzer drückt es drastisch aus: "Die Digitalisierung des Lernens hat keinen positiven Effekt. Wir müllen die Gehirne unserer Kinder zu. Die Bildung ist ein Experimentierfeld und keiner macht sich Gedanken über die Folgen."