Ich habe den Mann im weißen Anzug bereits auf einigen Veranstaltungen gesehen. Meistens habe ich mir kurz überlegt, weshalb er sich so auffällig kleidet, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Jetzt weiß ich es: Standard ist tödlich. So lautet der Titel des vor kurzem erschienenen Buchs des Industriedesigners Jürgen R. Schmid.

Ihn treibt unsere Aversion gegen Veränderung um, vor allem in den Unternehmen, oft einhergehend mit der Unfähigkeit zu entscheiden und manchmal einer gehörigen Portion Arroganz. Er geißelt in seinem Buch „Verwaltungsunternehmen“, „Wüstenunternehmen“ und die ewigen Optimierer, die keinen Mut zu echter Innovation haben. Er bezichtigt seine Leser der Faulheit, der Lethargie, des Neids und der „Schleichangst“. Aber nicht einfach so, weil es ihm gerade einfällt, sondern stets begründet. Dazu zieht er die Neurobiologie ebenso heran wie seine beruflichen und persönlichen Erfahrungen.

Standard ist tödlich
Standard ist tödlich. Wo die Energie herkommt, die Wirtschaft und Gesellschaft voranbringt

Die Standards und Regeln, hinter denen wir uns aus Bequemlichkeit verstecken würden, machten uns kraftlos und die Unternehmen zu Wüsten, in denen Optimierung Innovation verdränge. Es geht Schmid nicht darum, Missstände zu beklagen, sondern im Gegenteil: Er stellt ein Konzept auf, mit dem wir die Kraftlosigkeit überwinden können, persönlich, in den Unternehmen und der Gesellschaft: durch Veränderungskraft und vielfache Kraft. Manches, was er vorschlägt, mag nicht neu sein, aber um einiges einleuchtender als bei manchen anderen Autoren. Dazu trägt sicherlich seine jahrzehntelange Erfahrung in und mit Unternehmen bei. Schmid setzt auf die Kraft des Individuums und dessen Selbstverantwortung, auf Gestaltung statt Verwaltung, auf einen groben Rahmen, statt enger bürokratischer Regeln.

Die letzten Seiten seines Buchs mit dem Titel „Mit Energie in Potenz kommen wir voran!“ kann man wohl als Schmids persönliche Vision einer guten Zukunft betrachten, keinesfalls als Utopie. Vor allem, was er hier und auch an anderen Stellen zum Thema Bildung sagt, zeigt, dass er weiß, dass dicke Bretter gebohrt werden müssen.

Schmid fordert den Leser dazu auf, den Ausbruch aus dem Käfig der Bequemlichkeit zu wagen. Treten wir also einen großen Schritt zurück, wenn wir dieses Buch lesen, halten wir Ausschau nach den Standards, den Regeln, denen wir bewusst oder unbewusst folgen, hinter denen wir uns verstecken und uns dadurch Chancen verbauen.

Das Buch ist uneingeschränkt empfehlenswert, besonders für Unternehmer, aber auch für alle anderen. Schmid ermutigt jeden von uns, sich seiner Individualität bewusst zu werden und sich nicht hinter der Bequemlichkeit des „war schon immer so“ oder „alle machen das so“ zu verstecken. Er schreibt: „Erst gelebte Individualität ermöglicht es dem Menschen, sein gesamtes Energiepotenzial zu nutzen. Das ermöglicht ihm, in die Selbstverantwortung, in die Gestaltung seines Lebens und in die Umsetzung seiner Ziele zu gehen. So und nur so erlangt er Erfüllung.“

Tipp: Es lohnt sich, auch einmal auf der Website des Autors juergen-schmid.de vorbeizuschauen. Dort wartet nicht nur zusätzliches Material zum Buch, sondern auch ein lesenswerter Blog.

Standard ist tödlich. Wo die Energie herkommt, die Wirtschaft und Gesellschaft voranbringt,
ISBN 9 783947 572014, € 20