Gestern habe ich mir den Nachmittag frei genommen, um endlich einmal die neue Stuttgarter Stadtbibliothek am Mailänder Platz zu besichtigen. Und ich war begeistert. Was für ein Unterschied zu den muffigen Bibliotheken, die ich aus meiner Studentenzeit kenne und was für eine wunderbare Architektur. Wenn man im obersten Stockwerk steht und in den Kubus mit seinen Treppen hinabschaut, fühlt man sich zwischen Harry Potter und einem Gemälde von Escher, nur viel aufgeräumter und übersichtlicher.

Das ist der vorherrschende Eindruck, den ich von der Bibliothek mitgenommen habe: klar, übersichtlich, fast kontemplativ. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den unteren Kubus, in dem sich nichts befindet außer dem kleinen viereckigen Wasserbecken mit blauer Beleuchtung. Die Großartigkeit und Stille des Raums wird nur unterbrochen von den Fenstern, die sich aus den umlaufenden Galerien der Bibliothek in den Kubus öffnen.

Still ist es in der Bibliothek nicht – zumindest nicht diese geflüsterte, unterdrückte Stille, die früher in Bibliotheken herrschte. Die Leseräume sind offen zu den Bücherregalen hin. Man kann die Bücher herausnehmen, darin schmökern, sie wieder zurückstellen. Und es ist hell, ein angenehmes Licht, nicht zu grell, gerade richtig zum Lesen. Im Erdgeschoss liegen jede Menge nationale und internationale Zeitungen bereit. Auf allen Stockwerken finden sich Möglichkeiten zur Recherche am PC. Wenn man einen Bibliotheksausweis besitzt, kann man sich sogar ein Laptop oder gerahmte Gemälde für zuhause ausleihen – Kunst to go.

Bibliothek
Stuttgarter Stadtbibliothek

In Stuttgart kann eigentlich niemand mehr behaupten, dass er keinen Zugang zu Bildung hätte. Man braucht nicht einmal einen Bibliotheksausweis, um in der Bibliothek zu lesen und zu recherchieren. Erst wenn man ein Buch mit hinausnehmen will, braucht man den Ausweis und muss eine geringe Gebühr entrichten.

Mittlerweile darf man auch auf die lange geschlossene Aussichtsterrasse und das ist wirklich ein Knüller. Die Rundumsicht ist fantastisch. Außerdem hat man einen sehr guten Blick auf die Baustellen rund um Stuttgart 21. Sieben Kräne habe ich gezählt, die auf der Baustelle des neuen Einkaufszentrums stehen. Das Gebäude der Sparkassen für ihr Schulungszentrum mit zwei Innenhöfen ist fast fertig. Ich finde es wunderbar, zu sehen, dass sich in Stuttgart überhaupt noch etwas bewegt. Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass nur noch gemosert wird.

Natürlich, auch die neue Bibliothek hat Mängel. Der Schließmechanismus der riesigen Glastüren funktioniert nicht richtig. Es waren zu wenig Aufzüge vorhanden und die Aussichtsterrasse war ewig geschlossen, weil nicht genügend Blitzableiter vorhanden waren. Das lässt sich sicherlich alles beheben. Vielen hat auch die graue Außenhaut des Bibliothekswürfels nicht gefallen – er wurde ein bisschen heller getüncht.

Wenn es dunkel wird und die Bibliothek blau beleuchtet, ist sie ein Hingucker, den jeder sieht, der mit der Bahn nach Stuttgart kommt. Ich bin überzeugt, dass die Stuttgarter in fünf Jahren mächtig stolz auf ihre Bibliothek sein werden und keiner mehr an die Vorbehalte der Anfangszeit denkt.

Foto: Hendrik Fuchs