Obwohl ich inzwischen längst erwachsen bin, verheiratet und einen eigenen Haushalt habe, verbringe ich den Heiligen Abend jedes Jahr bei meinen Eltern. Auch meine Geschwister mit ihren Männern beziehungsweise Frauen und Kindern sind da. Lediglich solange die Kinder klein sind, wird dieses Ritual unterbrochen und im eigenen Heim gefeiert. Keiner von uns würde auf die Idee kommen, am Heiligen Abend nicht zu Hause, bei den Eltern, zu sein.

Weihnachten

Ich glaube, die Attraktivität von Weihnachten bei meinen Eltern liegt im immer gleichen Ritual. Seit ich ein kleines Mädchen war, verläuft der Heilige Abend bei uns zuhause immer gleich. Gegen 18 Uhr treffen alle so nach und nach ein. Es ist immer ein bisschen zu warm in der Wohnung, weil meine Mutter natürlich schon am Kochen ist. Die Tür zum Wohnzimmer ist geschlossen und wir werden alle ins Esszimmer geschickt. Im Wohnzimmer, das weiß man, steht der geschmückte Tannenbaum und für jeden der Anwesenden sind liebevoll kleine Geschenke aufgebaut, auch diejenigen, die wir uns untereinander schenken. Die müssen wir nämlich, wenn wir kommen, mit kleinen Namensschildern versehen, bei Papa abgeben, der sie dann im Wohnzimmer dazu legt.

Während Mama in der Küche verschwindet, versorgt uns Papa mit Getränken und dann üben wir meistens Weihnachtslieder. Denn Mama besteht darauf, dass wir an Weihnachten singen. „Sonst gibt es keine Geschenke“, sagt sie. Und wir singen – selbst als Teenager, als wir uns gegen „diesen ganzen Weihnachtsquatsch“ auflehnten, haben wir gesungen.

Keine Verantwortung

Wenn wir endlich ins Wohnzimmer dürfen, sind wir zappelig und hungrig. Wahrscheinlich können wir deshalb auch den Anblick des im Kerzenschein glänzenden Weihnachtsbaums mit der Krippe und den bunt verpackten Geschenken davor so sehr genießen. Eigentlich ist Weihnachten bei meinen Eltern Weihnachten für Kinder. Und genau so fühlen wir uns, hübsch angezogen an der Wohnzimmertür stehend und Weihnachtslieder singend. Es gibt für kurze Zeit keine Verantwortung und keine Sorgen mehr. Wir haben sie sozusagen an der Wohnungstür abgegeben.

Nach zwei oder drei Liedern dürfen wir unsere Geschenke auspacken. Nur selten sind es große Geschenke, aber die Begeisterung kennt trotzdem keine Grenzen. Wenn wir dann endlich aus unserem Geschenketaumel auftauchen, packen die Eltern ihre Geschenke aus und wir schauen dabei zu. Das war auch schon immer so. Meistens schenken wir ihnen etwas zusammen. Meine Mutter sagt immer „ihr seid ja verrückt“. Mama würde das auch sagen, wenn es nur eine hässliche Blumenvase wäre und keine Wochenendreise. Papa sagt gar nichts, sondern schmunzelt nur.

Danach wird es richtig gemütlich. Wir setzen uns gemeinsam zum Essen und unterhalten uns. Papa und einige Angeheiratete halten das Großfamiliengeschnatter nicht lange aus. Sie flüchten sich ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Aber wir anderen schnattern weiter. Es wird meistens viel gelacht, alte Geschichten werden erzählt und die Neuigkeiten ausgetauscht. So gegen 23 Uhr ist dann alles vorbei. Wir ziehen glücklich und zufrieden ab mit unseren Geschenken, unseren Plätzchentellern und den Resten des Weihnachtsessens.