Straßenbahn-Erinnerungen
Viele Dinge vergisst man einfach im Laufe des Lebens, zumindest sind sie nicht mehr präsent. Vor kurzem war ich auf einer Veranstaltung in der Stuttgarter Straßenbahnwelt. Dabei handelt es sich um ein Straßenbahn-Museum, das in einem alten Straßenbahndepot aus dem Jahr 1929 in Stuttgart-Bad Cannstatt untergebracht ist. Sofort als ich die große Halle betrat, entdeckte ich Straßenbahnen, mit denen ich als Kind und Jugendlicher gefahren bin, Fotos an der Wand, die mich an Straßenbahn-Ausflüge mit meinem Großvater erinnerten.
Da standen sie, sorgsam restauriert, und ich konnte sofort wieder das Gerüttel spüren und den Wind im Gesicht, wenn im Sommer im rückwärtigen Teil des Wagens das Fenster nach ganz unten geschoben worden war. Die historischen Fotos an den Wänden erinnerten mich daran, dass ich tatsächlich noch mit der Straßenbahn über die Königsstraße gefahren bin und nicht im Tunnel unten durch.
Nicolas Kiwitt, Mitglied im Verein Stuttgarter Historische Straßenbahnen (SHB), erzählte, dass die erste unterirdische Haltestelle der Charlottenplatz gewesen sei. Natürlich – ich erinnerte mich, wie wir damals mit der ganzen Familie staunend die neue Haltestelle besucht hatten.
Frische Ideen in ausgefahrenen Gleisen
Die Straßenbahnwelt wird von der SHB und den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) gemeinsam betrieben. Auf über 2.500 Quadratmetern kann man hier mehr als 20 Straßenbahnen besichtigen und in die Geschichte der Stuttgarter Straßenbahnen vom ersten Pferdewagen bis zum GT4, dem gelben Klassiker, eintauchen.
Nicolas Kiwitt verblüffte seine Zuhörer nicht nur mit dem Notlicht in den Straßenbahnen von einst – eine Kerze -, sondern auch mit dem so genannten Pappendeckel-Wagen und Erzählungen über die Straßenbahn von damals.
So kostete eine Fahrt mit der Straßenbahn auch während der höchsten Inflation nur 15 Pfennig und die Straßenbahnfahrer früherer Zeiten brauchten ziemlich viel Kraft, mussten sie doch die Weichen von Hand stellen. Selbst das Obst und Gemüse für die Stuttgarter Markthalle wurde früher mit der Straßenbahn transportiert. Man hatte sogar Gleise in die Markthalle gelegt.
Ehrenamtliches Engagement
Rund 350 Mitglieder zählt der Verein, leider nur etwa 35 aktive, wie Kiwitt erzählt. Doch dafür leisten sie Großes. Sie restaurieren nicht nur die alten Wagen und machen Führungen, sondern kutschieren als Fahrer und Schaffner interessierte Touristen und Einheimische mit den Oldtimern auf Schienen auf zwei Linien durch Stuttgart. Sie geben gerne Auskunft über die Stadt- und Nahverkehrsgeschichte und versorgen Gruppen oder Gesellschaften auch mit Getränken und einem Imbiss. Außerdem betreibt der Verein das Bistro Meterspur in der Straßenbahnwelt und das Café Alte Achse, das in einem Straßenbahnbeiwagen aus dem Jahr 1926 untergebracht ist. Große Gesellschaften bis zu 150 Personen finden im Eventbereich des alten Depots oder im Außenbereich genug Platz.
Irgendwie ist es beschämend, dass sich so viele Menschen engagieren und ich noch nie zuvor in der Straßenbahnwelt war. Natürlich hatte ich schon davon gehört, aber immer hat man etwas anderes zu tun. Auf jeden Fall werde ich in Zukunft Besucher in die Straßenbahnwelt entführen, aber als erstes gehe ich selbst noch einmal hin und schaue mir alles in Ruhe an.




