Rituale – Pfeiler der KommunikationMenschen brauchen Rituale. Das wissen wir. Rituale haben in der Regel etwas mit Kommunikation zu tun. Wenn die Eltern dem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, die Familie sonntags gemeinsam frühstückt, sich die erwachsenen Kinder alle am Geburtstag der Eltern zuhause treffen, dann ist das jedes Mal eine Gelegenheit, sich mit anderen auszutauschen und Beziehungen zu pflegen. Demselben Zweck dienen Betriebsausflüge, Weihnachtsfeiern oder die alljährliche Branchenmesse. In meiner Heimatstadt – klein, 50.000 Einwohner -, findet alljährlich am 31. Dezember der so genannte Altjahrabend statt. Das ist eine ganz schlichte Angelegenheit, aber vergleichbar mit vielen anderen Ritualen. Die Bürger, die Lust dazu haben, treffen sich am Abend, wenn es dunkel wird, auf dem Marktplatz. Die Stadtkapelle spielt, der Liederkranz singt gemeinsam mit den Versammelten ein oder zwei Lieder. Dann hält der Oberbürgermeister eine etwa 20minütige Rede. Danach wird noch einmal gemeinsam gesungen. Die Leute unterhalten sich noch eine Weile und gehen dann nach Hause. Es gibt keine Würstchenbuden, keine schrille Unterhaltung. Die Stadt verteilt ein bisschen Glühwein. Das war’s. Rituale müssen vollständig sein
Doch das Treffen am letzten Abend des alten Jahres ist viel mehr. Zum einen ist es eine Tradition in unserer Stadt, die sich urkundlich bis 1817 zurückverfolgen lässt. Zumindest wurden damals schon Lieder gesungen und Kerzen in die Fenster der Häuser rund um den historischen Marktplatz mit seinen Fachwerkhäusern gestellt. Diese Lichter in den Fenstern sind noch heute wichtig. In den meisten Häusern hat man sie zwar inzwischen durch elektrische Kerzen oder Weihnachtpyramiden ersetzt, hinter manchen Fenstern brennen aber noch Kerzen oder Teelichter. Vor dem Altjahrabend werden die Anwohner des Marktplatzes immer gebeten, die Fenster zu beleuchten. Denn sobald die Rede des OB beginnt, wird die normale Straßenbeleuchtung ausgeschalten und auf dem Marktplatz breitet sich eine wunderbare Stimmung aus. In den letzten Jahren sind zunehmend weniger Anwohner oder Hausbesitzer der Bitte, hinter den Fenstern Kerzen anzuzünden, nachgekommen. Zum ersten Mal hat der OB in diesem Jahr darüber gesprochen und diejenigen, diejenigen, die für Kerzen gesorgt hatten, wurden beklatscht. Offensichtlich gehören die Lichter hinter den Fenstern zum Ritual – für Bürger und Verwaltung. Und tatsächlich scheint der Altjahrabend ein Ritual zu sein, das viele Bürger ernstnehmen. Immerhin kamen in diesem Jahr über 1.000 Menschen auf den Marktplatz – junge wie alte. Freud und Leid teilenFür viele ist es die einzige Gelegenheit, den OB zu sehen und zu hören, aber vor allem ist es der Abend, an dem man lange nicht mehr gesehene Bekannte trifft, sich über das vergangene Jahr unterhält, sich Gutes für das neue Jahr wünscht und Neues erfährt. Für diejenigen, die an Silvester zuhause bleiben, ist es eine gute Möglichkeit, den Abend nicht komplett alleine zu verbringen, für andere eine Möglichkeit, an die frische Luft zu kommen. Für alle ist es jedoch eine Gelegenheit, Freud und Leid des vergangenen Jahres und eventuell die Angst vor der Zukunft mit anderen zu teilen und ihre Last so zu erleichtern. In diesem Jahr, dem Krisenjahr, war Letzteres ganz besonders wichtig. Der OB hat in diesem, wie auch in den vorhergehenden Jahren, die Sorgen und Ängste der Bürger, aber auch die positiven Ereignisse aufgegriffen. Er spricht an, was in der Stadt im abgelaufenen Jahr gelungen ist, was nicht so gut lief und macht Mut für die Zukunft. Er versäumt es nie, die Bürger auf die kommenden Schwierigkeiten hinzuweisen und natürlich versucht er – wie jeder Politiker –, die Schuld für Fehlentwicklungen ein Stück weit von sich zu weisen. Manchmal liest er seinen Bürgern auch die Leviten. Dieses Jahr zum Beispiel hat er sie ermahnt, angesichts klammer Kassen nicht zu hohe Ansprüche zu stellen, zusammenzustehen und nicht zu vergessen, dass es uns insgesamt betrachtet doch gut gehe. In den zahllosen Gesprächen unter den Versammelten, die dem kurzen offiziellen Teil folgen, verlagert sich die Aufmerksamkeit von den regionalen, wirtschaftlichen und kommunalen Themen in den privaten Bereich und das Ritual des Altjahrabends erfüllt so seinen Zweck: Die Kommunikation zwischen Verwaltung und Bürgern, aber auch unter den Menschen der Stadt zu stärken, in manchen Fällen sogar zu öffnen. Das sollte allen ein paar Kerzen hinter den Fenstern wert sein, zumal man die elektrischen mit einer Zeitschaltuhr versehen kann.
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