StrandtageJeder der schon einen Urlaub am Meer verbracht hat, kennt es: das Strandleben. Eigentlich bedeutet Strandleben süßes Nichtstun, aber das heißt nicht, dass man nichts tut. Die wenigsten liegen den ganzen Tag faul auf Strandmatte oder Liegestuhl. Sie laufen, joggen, schwimmen, plantschen, bauen Sandburgen, schütteln den Sand aus den Handtüchern, wechseln die Badeanzüge, cremen sich ein, sammeln Steine oder Muscheln. Spannend: Man erlebt fremde Menschen hautnah. Liegestuhl-NachbarnDie meisten haben einen Lieblingsplatz oder –liegestuhl, auf dem sie sich tagtäglich neu einrichten. Mit der Zeit weiß man, wer rechts und links liegt. Man fürchtet die Ankunft der vier lebenslustigen Damen und Herren fünf Liegestühle weiter, weil sie jeden Tag eine halbe Stunde brauchen, um sich einzurichten, die Liegestühle nach der Sonne auszurichten, Handtücher, Bücher und Proviant richtig zu platzieren – und das alles in voller Lautstärke. Ob man will oder nicht – man muss mithören. Da sind doch die Nachbarn links aus Schweden viel angenehmer – die versteht man wenigstens nicht. Und natürlich gibt es dann noch die, mit denen man jeden Tag ein kleines Schwätzchen hält, über das Wetter, das Essen, den Wein oder die Unterkunft. In der Regel weiß man weder Name noch sonst etwas, aber man trifft sich eben jeden Tag.
Einen besonderen Draht untereinander haben diejenigen, die frühmorgens oder am Abend am Strand unterwegs sind. Nach wenigen Tagen weiß man schon genau, wen man beim Strandlaufen um acht Uhr morgens trifft. Da ist der freundliche englische Jogger, der stets gutgelaunt „Morning Ladies“ ruft. Die spanische Frauengruppe, die gemütlich plaudernd und vollständig angezogen den Strand entlang spaziert, auch wenn den Nord- und Mitteleuropäern schon der Badeanzug zu warm wird. Und woher kommen eigentlich die zwei älteren Herren, die am Abend immer Zigarillos rauchend den Strand entlang wandern? Müssen sie zum Rauchen außer Haus? Um neun Uhr sind die begeisterten Schwimmer meistens schon wieder auf dem Rückzug ins Hotel zum Frühstück. Von Sandburgen und BrathähnchenJetzt kommen so langsam die Familien. Die Kinder buddeln dort, wo die abziehende Flut den Sand nass hinterlassen hat. Je matschiger desto besser. Manche bauen mit ihren Vätern fantastische Burgen. Ein Stück weiter, wird ein Vater eingegraben, so dass nur noch Kopf und Arme herausschauen. Einige haben Angst vor den Wellen, andere schwimmen wie die Fische und müssen von den Eltern fast mit Gewalt aus dem Wasser gezogen werden, damit sie sich aufwärmen oder etwas essen. Den ganzen Tag da sind die Brathähnchen. Sie tun gar nichts außer bräunen und sich ab und zu wenden. Sie gehen nicht einmal ins Wasser. Manche von ihnen sehen abends aus wie Indianer. Am nächsten Tag sind sie dann verschwunden. Zu viel Sonne. Auch viele Rentner sind den ganzen Tag am Strand – mit erstklassiger Ausrüstung: mehrere Badeanzüge zum Wechseln, Proviant und Getränke, Sonnenschirm, Klappstuhl, Ballspiel. Die Langzeiturlauber erkennt man an der tiefen Bräune. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, fällt ihre Ortskenntnis auf. Sie wissen, welcher Supermarkt billig ist, wo man deutsches Brot bekommt, wo es deutsche Cafés gibt und welche Veranstaltungen wann stattfinden. Sie wissen sogar über die Gezeiten Bescheid. Das alles nimmt der Strandmensch wahr und doch nicht. Denn irgendwann – vielleicht nicht gerade am ersten Urlaubstag – wird er sich dabei ertappen, dass er zwar sein Buch in der Hand hält, aber nicht liest, Geräusche hört, aber nicht versucht, sie zu identifizieren, aufs Meer hinausschaut, aber nichts sieht. Wenn er am Meer entlang läuft, begegnet er zwar Menschen und sieht Dinge, aber er nimmt sie nicht wirklich wahr. Er hat sich einfach ausgeklinkt – jetzt beginnt die Erholung.
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