Mit einer Live-Schaltung ins Silicon Valley und einem hoch aktuellen Thema für alle Unternehmen lockte der Landesverband Baden-Württemberg des Wirtschaftsrats zahlreiche Unternehmer und Startup-Unternehmer in die Veranstaltungsräume der KPMG in Stuttgart. Mit Virtual-Reality-Brillen wurde gleich beim Empfang der Teilnehmer klar, dass diese Veranstaltung etwas Besonderes werden sollte: das erste Innovationsforum des Wirtschaftsrats unter dem Motto „Mit Schwung und Gewinn den digitalen Wandel gestalten“.

Kommunikation und Vernetzung

Den Anfang auf dem Podium machte Prof. Dr. Andreas Pyka vom Lehrstuhl für Innovationsökonomik der Universität Hohenheim. Er machte deutlich, dass Innovationsfähigkeit eine Frage der Kommunikation ist. Und Innovation brauche einen Ort. Baden-Württemberg sei so ein Ort, an dem eine höhere Innovationsdichte herrsche als andernorts. Das zeige sich, wenn man den Innovationsfaktor verschiedener Länder und Regionen vergleiche. Allerdings müssten sich Unternehmen vor dem „Sailingship-Effekt“ hüten. Wenn Innovationen nur erhaltend seien, führe das irgendwann dazu, dass ganze Branchen neuen Märkten beziehungsweise Innovationen zum Opfer fielen, so wie alle Hersteller von Segelschiffen dem Dampfschiff zum Opfer gefallen seien. „Sie entwickelten immer größere und bessere Segelschiffe, obwohl das Dampfschiff längst seinen Siegeszug angetreten hatte“, sagte Prof. Pyka. „Die Vorbereitung auf solche disruptiven Veränderungen ist möglich. Doch wir fürchten Verluste stärker als Gewinne.“ Er warb für die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Forschung und Unternehmen in Netzwerken. Und empfahl „exploration statt exploitation“, also das Experimentieren, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, statt sich ausschließlich auf die Weiterentwicklung und Perfektionierung bestehender Produkte zu konzentrieren.“

Digitalisierung
Foto: Wirtschaftsrat

Personalverantwortung mit 16

Die Live-Schaltung ins Silicon Valley zu dem 24jährigen Startup-Unternehmer Catalin Voss, gebürtiger Deutscher, illustrierte eindrucksvoll, weshalb sich Gründer in Deutschland schwer tun. Voss erzählte, wie er mit 15 Jahren ins Silicon Valley für ein Praktikum bei Steve Capps kam, von dem Appel-Produkte wie Lisa, Macintosh und Newton stammen. Der Nerd aus Deutschland programmierte in nur vier Wochen eine App, mit 18 hatte er bereits eine eigene Firma gegründet. Heute studiert er in Stanford und führt ein Forschungsprojekt, das Autisten mittels der Google-Datenbrille“Glass“ hilft, Emotionen in Gesichtern zu erkennen. Er arbeitet mit Professoren für Künstliche Intelligenz zusammen und ist Innovator in Residence bei StartX, dem Inkubator von Stanford.

Im Interview mit Dominik Grau, Chief Innovation Officer der Ebner Verlag GmbH & Co. KG., sagte Voss, seine Geschichte hätte so in Deutschland nie passieren können. „Ich hatte mit 16 Jahren Personalverantwortung – undenkbar in Deutschland“, lachte er. „Im Silicon Valley gibt es unglaubliche Netzwerke und viele gute Mentoren und Investoren direkt vor Ort.“ Und nicht nur die jungen Gründer gingen ungewöhnliche Wege. Ein bekannter Investor führe Gespräche nur beim Wandern.

Voss machte auch klar, weshalb aus der Region Stuttgart wohl nie ein Silicon Valley werden würde. „Wenn ich ein neues Unternehmen gründen möchte, rufe ich meinen Anwalt an. 20 Minuten später ist es erledigt“, sagt er. „Diese Schnelligkeit und Flexibilität sowie die Möglichkeit, scheitern zu dürfen, fehlen in Deutschland.“ Woher bekommt er seine Geschäftsideen? Die Antwort: „Ich fokussiere mich auf ein Problem und seine Lösung.“

Startups sind anders

Adrian Thoma, Startup-Unternehmer und Gründer der Pioniergeist GmbH, warnte davor, die Digitalisierung auf die leichte Schulter zu nehmen: „The battle ist for the customer interface. Die Plattformen lassen alles Schwierige weg. Sie besitzen nichts und produzieren nichts. Sie sind Vermittler, aber ziehen damit die Kundenbeziehung an sich.“ Er machte darauf aufmerksam, dass Startups eine eigene Organisationsform haben, die nicht mit der Organisation etablierter Unternehmen kompatibel ist. „Startups wissen anfangs oft nicht, was am Ende tatsächlich herauskommt. Sie haben von Anfang an den Mehrwert für den Kunden im Auge und entwickeln mit dem Kunden/Nutzer gemeinsam“, sagte Thoma. „Sie haben keinen detaillierten Plan. Ein Businessplan hilft nicht, schadet aber auch nicht.“ Deutsche Unternehmen und Investoren würden aber für alles Pläne verlangen. Das laufe der Kultur der Startups zuwider. Schon allein deshalb werde Baden-Württemberg nicht zu einem Silicon Valley. Aber er sei sich sicher, dass man durch den Austausch und die Zusammenarbeit von Startups und Mittelstand „die Welten vereinen“ könne.

Fazit: Alles in allem eine gelungene Veranstaltung mit spannenden Referenten. Baden-Württemberg hat durchaus Chancen, den digitalen Wandel zu schaffen, aber nicht ohne gehörige Anstrengung. Die Unternehmen müssen nicht nur technologisch aufrüsten, sondern einen Kulturwandel vollziehen, weg von der hierarchisch geführten Organisation hin zum Netzwerk.

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