In der Samstagsausgabe der Stuttgarter Zeitung habe ich einen Artikel gelesen über ein Hochdeutsch-Wörterbuch für Gebärden. Anscheinend gibt es auch unter Gehörlosen Dialekte, die für den Austausch ein Hemmnis sind. Deshalb erscheint Ende März im Verlag Karin Kestner „Das große Wörterbuch der Gebärdensprache“. Für jedes Wort haben die Autoren eine Gebärde festgelegt, heißt es. Wie viele Wörter es wohl sein mögen?

Art der Kommunikation

Wir lernen Sprache spielerisch als Kinder. Das werden nicht weniger Worte sein als es Gebärden zu erlernen gibt. Trotzdem, wir Hörenden stellen es uns schwierig vor. Für Gehörlose ist das anders. Zwar lernen viele von ihnen sprechen, aber das ist für sie ungleich schwieriger, weil sie das gesprochene Wort gar nicht oder nur teilweise hören. Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen ist schwierig, wenn der Gehörlose nicht sprechen kann. Gehörlose Kinder haben es in Schule und Ausbildung schwerer als andere. Aber wenn wir uns auf die andere, für uns schwierigere Art der Kommunikation einlassen, erfahren wir auch viel Neues und Wertvolles.

Ich habe diese Erfahrung durch Anette gemacht. Anette ist gehörlos, aber sie hat sprechen gelernt, sogar Fremdsprachen. Sie ist selbstständig. Ihr Angebot umfasst verschiedene Massagen, Wirbelsäulen- und Gelenktherapie nach Dorn-Breuss, Sport und physikalische Anwendungen, die bei den Kunden zu Hause, in Praxen, Kliniken, Hotels und Firmen durchgeführt werden. Anfangs habe ich mich gefragt, wie sie das alles meistert – Kundenanrufe, die Kunden verstehen. Alles kein Problem für Anette. Denn Anette setzt von Anfang an und konsequent auf Kommunikation: Sie sagt, dass sie so gut wie nichts hört, aber dass sie von den Lippen ablesen kann, aber natürlich nur, wenn man sie beim Sprechen auch anschaut. Ihr Telefon und ihre Wohnungsklingel sind mit einem Blitzlicht verbunden. Das Handy vibriert. Internet, SMS und E-Mail eröffnen ihr zusätzliche Möglichkeiten der Kommunikation.

Wenn ich mit Anette unterwegs bin, lerne ich ständig dazu. Als erstes ist mir aufgefallen, dass ich nicht deutlich genug spreche. Oft wende ich mich ab, um etwas zu zeigen, und spreche in die falsche Richtung. Als wir zum erstenmal gemeinsam einen Film mit Untertiteln für Gehörlose angeschaut haben, bekam ich vom Film überhaupt nichts mit, weil ich mich nur aufs Lesen konzentrierte. Was gesagt wurde, hörte ich gar nicht mehr. Außerdem fiel es mir schwer, die verschiedenen Farben immer den richtigen Schauspielern zuzuordnen. Die Musik war mir zu laut. Anette hört Filme und Musik immer sehr laut, damit sie den Rhythmus mitbekommt. Wissen Sie, dass es in modernen Musical-Halls spezielle Plätze für Gehörlose gibt? Seit ich mit Anette im Musical war und einfach irgendwelche Plätze reserviert habe, weiß ich es.

Auf jeden Fall habe ich von Anette gelernt, dass Sprache eine einfache Art der Kommunikation ist. Und trotzdem fällt sie uns so schwer. Wie oft verstehen wir zwar, was unser Gegenüber sagt, aber nicht, was es meint? Wie oft reden wir, ohne etwas zu sagen? Wie oft verschleiern wir mit Sprache unser eigentliches Anliegen? Manchmal würden Schweigen und eine Geste sicherlich mehr sagen als tausend Worte. Noch etwas, was mich Anette gelehrt hat: einfach (die Hörgeräte) abschalten, Stille genießen, um wieder aufnahmefähig zu sein.